Schlagwort-Archive: IHK

Regeltreue und Compliance – wo steht Deutschland?

Selbst im größten Chaos, inmitten von Durcheinander und Schicksalsschlägen halten sich Menschen an allgemeine Verhaltensregeln, die ihnen in solchen Ausnahmesituationen halt gewähren.
Bei diesen Mustern bin ich mit zwei Regelsystemen beruflich und privat immer wieder in Kontakt gekommen und habe mich mit ihnen auseinandersetzen dürfen/müssen.

Das erste basiert auf dem „britischen“ Ansatz des fair play, der sich leicht erklären lässt: Menschen, die nach diesem Prinzip leben, schöpfen aus dem Einhalten der vereinbarten sozialen Regeln ihr Selbstwertgefühl. Ich habe während meiner Zeit in Polen bei der Deutsch-polnischen IHK (AHK Polen) gute und gestalterische Erfahrungen mit diesem System gemacht, da sich die Polen sehr eindeutig dem fair play verbunden fühlen – obwohl ihr ausgeprägter Individualismus häufig führt, dass Spielregeln ganz verschieden interpretiert und nicht immer eingehalten werden. Doch der Wunsch, dem Chaos mit einer ad hoc erdachten Ordnung beizukommen, ist offensichtlich.
Wenn sich in Polen ein Konflikt innerhalb oder zwischen Gruppen verschärft, entwickelten die Betroffen sofort Aktivitäten, um eine grundlegende Ordnung zu schaffen. Komitees wurden gebildet oder wie beim Europarenariat 1994 in Danzig ein Wochenendworkshop mit externen Mediatoren organisiert, um Verhaltensregeln festzulegen und so rasch wie möglich die Vision einer gerechten Lösung des Problems zu formulieren. Zugleich begannen aber die dieselben Menschen die von ihnen selbst aufgestellten Spielregeln zu brechen und zu versuchen, das festgelegte verhalten zu umgehen.

Das zweite und mir grundsätzlich vertrautere „deutsche“ Prinzip basiert auf der Wertschätzung und Akzeptanz des Gesetz- oder Normengebers. Dieser erlangt seine Autorität, weil er bei der Festlegung und Durchsetzung des Rechts nicht das eigene Wohl oder Klientelgruppen bedienen will, sondern das Allgemeinwohl vor Augen hat. Es soll Friedrich II gewesen sein, der sich nach volkstümlicher Überlieferung als erster Diener seines Staates sah. Gerade im (polnischen) Ausland wünschte ich mir gelegentlich diesen Ansatz, um eine größere Planbarkeit bei der täglichen Arbeit zu haben und meinem Naturell der stärkeren Aufgaben- statt Personenorientierung zu entsprechen.

Wer durch dieses „deutsche“ Prinzip sozialisiert ist, respektiert im Grunde das Regelwerk, schaut wo Lücken der Beliebigkeit oder Vetternwirtschaft Platz lassen und achtet nicht darauf, wen es betrifft, sondern wer über seine Einhaltung wacht. Wenn dieses Recht einen selbst Pflichten auferlegt, kann es dazu führen, dass man – z.B. als Hauptgeschäftsführer einer deutschen IHK- auch im Widerspruch zu seinen eigenen Wünschen, Gefühlen und manchmal sogar seines Gewissens diese Pflichten umzusetzen. Würde ich das Recht beugen oder gar brechen sowie Lücken ausnutzen, so empfinde ich dies als versagen, da mir mit der Leitung entsprechenden Vertrauen entgegengebracht wurde. Das dieser Ansatz richtig ist, zeigt die Tatsache, dass die IHK Rostock drei Jahre nach meinem massiven Drängen auf Aufklärung der internen Verhaltensweisen und Mangel an elementaren Regelung am   7. März 2014  durch die Vollversammlung endlich und eigentlich überfällig eine Compliance-Regelung verabschiedet hat.

Während meiner Zeit in Polen habe ich oftmals den Unterschied zwischen dem „gesetzgeberischen“ und „fair play“ Rechtsempfinden verspürt, und zwar sowohl auf angenehme als auch auf unangenehme Weise damit leben und gestalten gelernt. Um so mehr überraschte mich – mach vielen Jahren im Ausland sicher mit einem idealisierten Blick auf Deutschland- die Realitäten. Und so war er wieder da, der tägliche Konflikt zwischen fair play und teilweise Laissez-faire Umgang mit den Regeln einerseits und einer gradlinigen Regeltreue anderseits.
Ist nun die Gradlinigkeit in Deutschland abhanden gekommen? Die zahlreichen Compliance- Richtlinien der Unternehmen oder Berufungen auf die Ethik des ehrbaren Kaufmanns bei der IHK ´s lassen diese Vermutung nahe liegen. Warum muss sich ein Unternehmen oder IHK verpflichten, die Gesetze einzuhalten? Ist das nun Aktionismus, ungeschickte Öffentlichkeitsarbeit oder schlicht: Notwendigkeit?
Meine Erfahrungen nach der Rückkehr aus Polen lassen mich eher zu Drittem tendieren, allen weltweit-positiven Vorurteilen über „uns Deutsche“ zu Trotz. Verschenken wir hier nicht Kapital und vernichten durch die –notwendigen- umfangreichen Kontrollmechanismen gleichzeitig Werte? Gibt es Unterschiede in der regionalen Verteilung in Deutschland z.B. zwischen Rostock und Augsburg, durch gesellschaftliche oder politische Sozialisation oder ist es ein Beleg für die Beliebigkeit im Zeitgeist?
Ich bin noch auf der Suche nach der richtigen Antwort…..

Lars Bosse

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized